Wir schreiben das Zeitalter des frühen 18. Jahrhunderts. Die Stadt Dunwall ist am Abgrund. Die Rattenplage hat so ziemlich alles Leben verseucht. Nur noch wenige unversehrte Menschen besiedeln die Bezirke der Steampunk-Welt – und wir sind mittendrin. In Dishonored: Die Maske des Zorns vom französischen Entwicklerstudio Arkane schlüpfen wir in die Rolle von Corvo Attano – einem Leibwächter der Kaiserin Jessamine Kaldwin. Diese wird gleich zu Beginn des Spiels von einer unbekannten Macht getötet – und wir sind zur falschen Zeit am falschen Ort. Das Abenteuer beginnt da, wo man sich selbst nie finden möchte: im Gefängnis von Dunwall…
Corvo zurück im traurigen Dunwall
Es ist ein eigentlich schöner Tag in Dunwall. Der Hauptprotagonist Corvo Attano kommt gerade von einem wichtigen Botengang wieder zurück in die Stadt. Mit zwei Bootsführern der Kaiserin schippern wir über den großen Ozean. Die Kaiserin Jessemine Kaldwin erwartet Corvo eigentlich mit guten Nachrichten zurück in der im Steampunk-Stil gehaltenen Welt. Doch Attano hatte keinen Erfolg in den Nachbarstädten. Auch sie haben kein Heilmittel gegen die miese Rattenseuche, die Dunwall seit einiger Zeit auf Trab hält. Fegefeuerartig verbreitet sich die Krankheit, die durch die kleinen Nager übertragen wird. Tausende Bewohner sind bereits infiziert und zu sogenannten „Winern“ mutiert. Diese treiben sich größtenteils in den Kanalisationen der Stadt herum. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Oberfläche erreichen und für die totale Apokalypse sorgen.
Doch zurück zum Geschehen. Im kaiserlichen Anwesen angekommen, werden wir nicht nur von einigen Wachen begrüßt, sondern auch von Emily – der kaiserlichen Tochter. Sie ist sichtlich begeistert über unsere Rückkehr und es herrscht ein scheinbar familiäres Verhältnis zwischen der Kaiserin und Corvo. Emily will mit uns eine Runde verstecken spielen. Und genau hier greift das erste Grund-Feature von Dishonored: schleichen und verstecken. Wir sollen eins mit der Umgebung werden und uns vor dem Mädel verstecken. Eine kleine Anzeige über dem Kopf der kaiserlichen Tochter zeigt ihre Aufmerksamkeit. Während sie sich bei einem Blitz-Symbol noch längst nicht auf die Suche nach uns begibt, ändert sich der Misstrauensstatus mit zunehmenden Blitzen drastisch. Sie beginnt nach uns zu suchen und entdeckt uns schließlich. In einer echten Mission müssten wir nun den Nahkampf suchen und unsere Gegner entweder ermorden oder in den ruhigen Betäubungsschlaf schicken. Eine Situation, die es gilt zu vermeiden!
Mörder und Sündenbock zu gleich
Mit dieser Erfahrung im Hinterkopf kommt es nun zur Audienz bei der Kaiserin. Sie ist sichtlich geschockt darüber, dass Corvo in Nachbarstaaten keinerlei Lösungen für den Seuchen-Fall ausmachen konnte. Doch sie will nach vorne schauen, als sich plötzlich maskierte Männer von Dach zu Dach teleportieren. Was geht hier vor sich? Sie entführen die Tochter Emily und töten die Kaiserin von Dunwall. Schockstarre macht sich bei unserem Helden breit. Und genau im falschen Moment kreuzen korrupte Kaiserwachen auf. Sie nehmen Covor fest, beschuldigen ihn des Mordes an der Kaiserin. Ein handfester Skandal, der das Motiv unseres Helden einleitet: Rache an den Männern nehmen, die für den Tod der Kaiserin verantwortlich sind, und die Männer zur Rechenschaft ziehen, die schon immer am Thron von Jessamine Kaldwin gesägt haben!
Kaiserlicher Allrouder auf Achse
Aus Spoiler-Gründen lassen wir weitere Story-Details an dieser Stelle einfach mal unkommentiert und gehen gleich zum wichtigen Teil über: dem Gameplay. Corvo verfügt über außergewöhnliche Kräfte – ohne die wäre er nie zum Leibwächter der Kaiserin ernannt worden. Nun gilt es, diese auszubauen und zu verbessern. In der rechten Hand trägt Corvo meist einen Dolch, mit dem er seine Feinde hinrichten kann. In der linken Hand können wir dann wahlweise eine Armbrust mit Pfeilen oder Betäubungsbolzen oder aber eine Pistole mit uns herumschleppen, die dem Kaisertreuen im Notfall zur Seite stehen. Wie bereits erwähnt dreht sich in Dishonored alles ums Schleichen und ums unentdeckte Vorgehen. Wir interagieren quasi mit der Umgebung, um Feinde geschickt zu überwinden oder sie in den Tiefschlaf zu versetzen. Wer gar keine Konfrontation mit dem Wachpersonal möchte, der sucht sich einfach alternative Wege. Laut Entwickler Arkane ist es sogar möglich, Dishonored durchzuspielen, ohne dabei auch nur einen einzigen Feind niederzustrecken. Doch zurück zu den Fähigkeiten Corvos. Über ein Kreismenü können wir verschiedene Talente auswählen, die wir durch sogenannte „Runen“ ausbilden können. Runen werden mit einem pochenden Tierherz aufgespürt und schließlich eingesammelt. Die Talente sind reichlich vorhanden, jedoch verliert man zu keiner Zeit im Spiel den Überblick. Corvo kann mit zunehmendem Spielverlauf unter anderem die Teleportation dazu nutzen, um größere Absprünge oder Feindgruppen zu überwinden, die Zeit zu verlangsamen, um unentdeckt zu bleiben, in die Haut von Ratten zu schlüpfen oder um weitere Alternativwege zu erschließen. Alle Talente können in eine zweite Stufe verbessert werden, wodurch sie stärkere Laufzeiten oder größere Reichweiten erlauben. Hinzu kommen Knochenartefakte, die euch weitere Boni liefern. Insgesamt erinnern die durch Runen erstehbaren Talente ein wenig an Bioshock. Sie sind ein tragendes Spielelement, perfekt ausbalanciert und bieten dem Spieler eine Menge Freiheiten bei der Missionsgestaltung. Und genau so soll es sein!
Biohonored Fallout: Diskyrim
Ein großer Name, bei dem sich Dishonored ideentechnisch bedient, fiel bereits: Bioshock. Dank der atmosphärischen Steampunk-Welt (einerseits futuristisch-technische Maschinen, andererseits Mode und Kulturen des viktorianischen Zeitalters) wird Dishonored zur echten Stimmungsbombe. Doch wir sind der Meinung, dass die Arkane Studios den Tiefgang der Facette ein wenig verpasst hat. Zwar finden wir hier und da ein paar Bücher, welche uns weitere Informationen über Dunwall und seine Persönlichkeiten liefern, jedoch fehlt hier und da ein wenig mehr Detailreichtum, wie ihn einst Bioshock mit Rapture bot. Allerdings ist das Art-Design von Viktor Antonov (unter anderem Half Life 2) über jeden Zweifel erhaben und kann durchaus überzeugen – auch wenn die Geschichte rund um Dunwall teils ziemlich blass bleibt.
Spielerisch merkt man zum Teil, dass der Titel aus einer der Bethesda-Schmieden kommt. Die teils steifen Charakter-Animationen wirken fast wie aus Fallout kopiert und die Fülle an Gegenständen, die wir während unserem Streifzug einsacken, erinnert fast ein wenig an The Elder Scrolls V: Skyrim. Kleiner Unterschied: Wertgegenstände müssen nicht verkauft werden. Sie verwandeln sich automatisch in Münzen. Dreh- und Angelpunkt ist das Kaisertreue Koloniegebiet Hounds Pit Pub, wo wir neue Missionen erhalten oder beim verrückten Wissenschaftler mit gesammelten Münzen Verbesserungen für Waffen kaufen können. Aber auch hier gilt: Die Charaktere, die Corvo zur Seite stehen, bleiben blass auf der Strecke liegen. Schade eigentlich, denn hier hätte man durchaus für weitere Spielstunden sorgen können.
Licht- und Schattenporno
Ein großer Pluspunkt, der Dishonored zum absoluten Hingucker macht, sind auf jeden Fall die grandiosen Licht- und Schatteneffekte. Egal ob Tag oder Nacht: Man kann immer genau abschätzen, wann man für Feinde unsichtbar ist und wann nicht. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Vor allem auf der Konsole stechen uns schwammige Texturen und kantige Objekte ins Auge, die man so normalerweise nicht mehr anbieten sollte. Die PC-Version ist grafisch auf jeden Fall auf einem ganz anderen Niveau als die Fassung für Xbox 360 und PlayStation 3. Der Sound ist dagegen auf allen drei Systemen einsame Spitze. Egal ob grandiose Effektsounds, die gute, deutsche Synchronisation oder auch der Soundtrack, der stets passend in das Spielgeschehen integriert wird. Wer über die nicht makellose Optik hinweg sehen kann, der bekommt mit Dishonored ein absolutes Highlight in diesem Jahr geboten!